Text

Ich kann Euch nicht mehr hören

Nach dem 16. Umzug befindet sich keiner mehr von Euch hinter der Wand. In jeglicher Himmelsrichtung. Weder unter mir, noch über mir.
Ihr wohnt 3 warme Gesten weiter weg und blickt in den Hof, schlaft aber zur Straße hinaus. Wo es angeblich lauter sein soll. Das Bettrücken hat es einfach so ergeben. Und das ist halt 25 Jahre her. Niemand hört mehr den anderen. Weder mit, noch ohne Beschallung. Was vom Tage übrig bleibt, ist das Klopfen hinter meiner Wand. Wie ein Tinitus bohrt es sich leise durch das Unterbewusstsein. Das Klopfen bohrt gerne und lange. Auch durch den seltenen Schlaf bis die wenigen Träume platzen. Sie werden mit einer akuraten Systematik säuberlich zerrissen, auf dem Müll beerdigt, nur um das Bewustsein für eine Frage zu planieren. Für die immer gleiche Frage: Was bin ich? Ich klinge dumpf, bin wahrscheinlich aus Holz und hänge an einem Nagel an deiner Rückwand. Meine Besitzer finden mich womöglich schön, so wie sie auf ihrer Terasse sitzen und hinter deiner Wand, ein Bett gar nicht vermuten. Natürlich hast du ihnen mal erklärt wo dein Schlafzimmer liegt, aber daran denken sie nicht, wenn sich ihnen die Terasse präsentiert. Und wie Du aufwachst, wenn der Wind gut steht. Weil mich der Wind bewegt. Vielleicht hänge ich ja gar nicht, sondern lehne mich nur an deine Wand an. Du wirst nie erfahren, was ich bin und dennoch mein Klopfen hören. Nur meine Besitzer, deine Nachbarn werden wissen was ich bin, mich aber nie hören. Vom Klopfen wissen sie tatsächlich nichts. Ihr grüßt, wenn man zufällig und gleichzeitig und ausweichend den Hof betritt. Anschließend wird sich beschwert, wie man sich halt gerne beschwert, wenn es nichts zu sagen gibt. Nur um einen gemeinsamen Feind zu finden. Reden um des Redens Willens. Im Sinne des Hochhaltens der Nachbarschaft.

Aber vom Klopfen wisst Ihr nichts. Die Klopfgeräusche bleiben die Überbleibsel eures verblassenden Daseins. Ohne Wind würdet Ihr nicht existieren. Und weil es weht, seid ihr auch in meinem Leben. Wo seid ihr aber, wenn der Wind nicht weht. Bei jeder Wetterprognose kann ich Euch sagen, wann ihr wieder da seid. Jedoch ohne Gepäck. Ohne das personifizierte euch, und dem Wunsch eine Tür aufschließen zu hören, wenn ihr nach Hause zurückkehrt. Oder das Gelächter zu später Stunde an einem Samstag. Wie Ihr redet oder schweigt. Ich kenne Eure Musik nicht, nicht in guten und ebensowenig in schlechten Zeiten. Von Euch ist nur das Klopfen geblieben. Und selbst das, wenn der Wind gut steht. Erst dann merke ich, mich in einem Block zu bewegen, in dem außer mir auch noch andere leben. 3 warme Worte weiter weg.

Text

moritz krämer singt.

http://itunes.apple.com/de/album/nachbarn/id418321652?i=418321658

Photo
(via Savage Chickens)
Danke @kamgris 
Text

We can see you sometimes

In einem Mehrfamilienhaus ist es normal, nicht immer jeden zu sehen. Besonders die Älteren verlassen nur selten ihre Wohnungen. Trotzdem bist du anders. Eine der Jüngsten hier. Man sieht dich manchmal. Und dann wieder nicht. Darum mache ich mir diese Gedanken.
Als du dein Paket bei mir abgeholt hast, bliebst du im toten Winkel stehen, so dass ich die Türe öffnen musste, um dich überhaupt zu sehen. Du hast dich nicht bedankt. Es schien dir auch so schon unangenehm genug zu sein. Als ich die Treppe hinunter kam, während du die Wohnung verlassen hast, scheinst du dich ertappt gefühlt zu haben. Ich habe dich gegrüßt. Und du hast dich erschrocken umgedreht und die Wohnungstüre zugerissen. Auf der Straße siehst du an mir vorbei.
Ich glaube, außerhalb deines Wohlfühlbereiches bist du sehr unsicher. Denn im Sommer liegst du im Bikini auf deinem Balkon und es stört dich nicht, dass ich dich draußen beim Rauchen dort sehen kann. Mein Balkon liegt etwas höher als deiner, aber solange du dich in deiner Sicherheitszone bewegst, scheint dich das nicht zu stören. Ja, nicht einmal meine laute Musik bei offener Balkontüre. Vielleicht bist du nur scheu. Vielleicht magst du nur die Menschen nicht. Vielleicht lebst du in deiner eigenen kleinen Welt und die echte, die draußen, macht dir ein bisschen Angst. Solange du in deiner abgesteckten Kopfwelt bleibst, scheint dich überhaupt nichts aus der Ruhe zu bringen.

Aber manchmal kann ich dich sehen. Und es ist jedes mal seltsam.

Text

Ich kann dein Heimweh hören

Jeder Abwasch, all das klappernde Geschirr, immer geht es einher mit leisem Schluchzen, auf der Wunde zehn Finger, rissige Haut zwischen ihnen. Du weinst, weil deine Fingernägel so sauber sind, weil du nicht weißt, wo du den Dreck hernehmen sollst, ohne dass es verzweifelt wirkt. Es gibt Tage, an denen ist es in Ordnung. An denen du denkst, dass es ja sein muss und dies der beste Ort ist, um etwas zu müssen, weil das Leben etwas von dir verlangt. Und dann gibt es Tage, an denen sich alles in dir zusammenzieht und du gar nicht merkst, wie sehr du dieses Heimweh zitterst, ehe du die Treppe hinuntergehst und Mühe hast, dass deine Beine nicht unter deinem Herzen wegknicken. Du zählst die Tage an den leeren Wasserflaschen, die du an die Wand schleuderst und den vollen, die noch dastehen. Du zählst die Tage an den Nächten, in denen du schweißgebadet aufwachst, ein Kleid aus Schweißperlen und Gänsehaut, das sich dir ungebeten überstreift. Doch fast unmerklich zieht es schon die ersten Fäden, halte noch ein bisschen durch.

Text

Ichy diii-dipp

Immer wenn Du mit einem neuen Eintrag in Deinem Blog fertig bist, dann höre ich das. Dein Arbeitszimmer liegt auf der anderen Seite des Innenhofs. Manchmal rauchen wir gleichzeitig, Du nach dem Schreiben an Deinem Arbeitszimmerfenster, ich an meinem Küchenfenster. Und aus meinem Arbeitszimmer kommt gleich nach den ersten Zügen: diii-dipp.
Dann lese ich den neuen Eintrag, zu kommentieren kommt aber nicht infrage. Dass ich Dich kenne wird es sein, was mich gerade zu Deinem Blog zieht. – Du kennst mich nur als Raucher gegenüber. Und das kommt mir komisch vor: Denn Du wirst wissen, dass Du auch an unbekannte Adressaten schreibst. Aber schreibst Du auch an mich? Ich bin Dir weder bekannt noch unbekannt, bin irgendwas dazwischen.
Wenn ich mir vorstelle, wie Du mit Gedanken an Unbekannte schreibst, dann habe ich einen Verhörraum, so wie bei Tatort, vor Augen. Du sitzt in diesem Raum, allein am Tisch, schaust auf den Spiegel an der Wand gegenüber und verhältst Dich so, wie es bei Ungewissheit angemessen ist. Du weißt nicht genau, wer alles unsichtbar hinter dem Spiegel steht; nur dass da Leute stehen. Du kennst sie nicht. Und sie kennen Dich nur soweit, wie Du sie mit Deinem Verhalten am Tisch Dich kennen lässt.
Aber ich stehe nicht hinter dem Spiegel, wo Du Deine Beobachter wähnst. Die, die Deine Texte lesen, die, die Du nicht siehst. Mein Küchenfenster ist durchsichtig. Du siehst mich und ich sehe Dich. Dass wir uns sehen, rückt uns aneinander, mich in den Verhörraum hinein, an den Tisch, neben Dich. Aber ich sage nichts, anders, als das bei Tatort ist. Ich schaue Dich an, wie die hinter dem Spiegel es tun und bin doch: viel näher als sie, Scheibe durchsichtig, bin kein Leser, der von sich weiß, dass Du ihn nicht siehst. Und darum fühle ich mich, trotz, nein wegen des durchsichtigen Küchenfensters, schlecht, denn wie ein unsichtbarer Kommissar neben Dir. Neben Dir, weil ich Dich sehe. Unsichtbar, weil Du nicht wissen kannst, dass ich lese. Unsichtbar neben Dir.
Ich kann meine Rolle auch nicht wechseln; glaub mir, ich würde es gern. Kann nicht raus aus dem Raum, nicht hinter den Spiegel verschwinden. Wir rauchen doch. Wäre etwas anders, wenn ich mal rüber riefe Ich lese Deinen Blog, könnte ich dann wenigstens im Raum sichtbar sitzen? Ich müsste versuchen, Dich kennenzulernen, um es zu wissen. Aber ich rufe nicht rüber. Ich kommentiere ja nicht mal, sondern lese nur. Jedes Mal, wenn es diii-dipp macht.

Photo
Thursday, October 14, 2010My dreamy neighbor who plays obscenely loud music- w4m - (Greenpoint)Sometimes when you have played music late into the night or come home in the wee hours and turn it on, I knock on our shared wall or scold you the next day, but all along I am thinking how dreamy you are and how I just want to make love to you.
(via Sophie Blackall)

Thursday, October 14, 2010
My dreamy neighbor who plays obscenely loud music
- w4m - (Greenpoint)

Sometimes when you have played music late into the night or come home in the wee hours and turn it on, I knock on our shared wall or scold you the next day, but all along I am thinking how dreamy you are and how I just want to make love to you.

(via Sophie Blackall)

Text

We can’t hear you anymore

Yesterday morning you packed your belongings into a van and moved away. You didn’t say goodbye. We won’t miss your bad guitar and keyboard playing. In fact, we probably won’t miss you at all. But, I am curious who is going to move into your old apartment, and what sounds they will make.

Text

I can hear your cellphone

You seem to put it on your floor right above my bed. In the morning, and sometimes in the late afternoon, it starts vibrating. I don’t know if it’s your alarm clock, or if someone is calling you. You never seem to care, since it takes very long until you pick it up. Maybe you just have a hard time getting out of bed - something to which I can relate very well - or you don’t want to speak to the person who is calling you. Maybe it’s your Mom, calling to remind you to eat your vegetables, or an ex-girlfriend who wants to get back together with you. Maybe it’s your dentist trying to remind you of an appointment you missed, or your employer wondering why you haven’t shown up this morning. All I can do is guess.

Text

I can hear her not being your real mom. Not cause I might hear her yelling at you, not at all. Just because I heard you getting dressed in the stairway this morning waiting for your real mommy to pick you up. I think she’s a great lady that red-haired woman. I’m pretty sure it was her who bought those boots with skulls on it for you. I’ve never seen the two of you together though, just you and your daddy when the three of us were locked out of the house for mysterious reasons. But when I looked out of the window this morning, I could see all of you. You and her and your daddy and your mommy and your second dad. The whole family. She had walked you down the stairs because she wouldn’t let you go without hugging you goodbye. Out there in the rain to stay with you as long as she can. With no coat on her shoulders or hat on her red mane. And she wouldn’t leave the sidewalk before she could no longer see you in the back of that car, skull boots on, waving and wishing and throwing kisses in the air.